Zwinger
Als kleiner Junge habe ich
meinen Vater – der neben vielem anderen ein ausgesprochener Hundenarr war –
gefragt, wie es denn wohl gekommen sei, dass der Wolf zum Menschen kam und
dabei zum Hund wurde. Mein Vater wurde nachdenklich und erbat sich Bedenkzeit
für die Antwort.
Dann, irgendwann einige Tage später, nahm er mich beiseite und
erinnerte mich, dass er mir noch eine Antwort schuldete. Mein Vater war – neben
mancherlei anderem – ein Bibel fester Mann. Er hub mit ernstem Gesicht an, dass Gott, nachdem er durch den
Erzengel Gabriel den Menschen des Paradieses verwiesen hatte, doch wieder
Mitleid mit dem Menschen und seiner Plackerei auf Erden bekommen habe und
überlegte, wie er seine Strafe mildern könne. Dann rief Gott einige Wölfe zu
sich, die ihm intelligent, freundlich und sozial schienen. Diese beauftragte
er, sich dem Menschen anzuschließen und ihm in der größten Mühsal des Alltags
als Gefährte beizustehen. Die meisten Wölfe waren nicht begeistert, ihre
Freiheit um der Menschen willen aufzugeben. Einige aber verstanden, wie einsam
der Mensch in diesem unendlichen All der Schöpfung dastand und erklärten sich
bereit, die Not der Menschen zu mildern, wofür ihnen ein Platz im Himmel
winkte. Und so sei der Wolf zum Menschen gekommen, der ihm dies aber bei weitem
nicht immer gedankt habe.
Seit dieser, mit liebevollem Ernst vorgetragenen
Erklärung, habe ich noch keine bessere in der kynologischen Literatur gefunden,
als die meines Vaters. Sie erklärt ein Wunder, das auf Erden sein zweites
sucht: Die tiefe Partnerschaft zwischen zwei Arten, die nirgendwo verwandt
scheinen, außer in ihrem Seelenleben.
Züchter