Der Pyrenäenberghund und sein Mensch
Für den Schäfer
In Deutschland hat die
Haltung von Herdenschutzhunden keine Tradition. Auf dem Balkan, in Südeuropa,
in Kleinasien und in Mittelasien ist das anders. Nun, Deutschland ist anders,
werden viele sagen. Stimmt. In Deutschland waren Bär, Luchs und Wolf als
klassische Schafräuber schon zu Beginn der Neuzeit ausgerottet. Damals glaubte
man, damit einen Fortschritt erzielt zu haben. Unsere Haustiere jedenfalls
litten nicht unter dem Verschwinden der großen Räuber.
Heute ist es Wille des Staates
und großer Teile der Gesellschaft, dass diese Räuber wieder „heimisch“ werden.
Bär, Wolf und Luchs sind strengstens geschützt. Unsere Haustiere nicht. Im
Gegenteil: Die neue Propaganda versucht uns klar zu machen, dass die großen
Räuber eine Bereicherung für unser Land und seine Wildtierwelt seien. Was es
wirklich mit dieser schönen neuen Heimat auf sich hat, dass wird die Zukunft
erweisen. Vielleicht gibt es ja Wege, Bär, Wolf und Luchs gerecht zu werden,
und trotzdem unsere Haustiere vor ihnen zu schützen. Man wird abwarten müssen –
und sich Mühe geben müssen, einen gerechten Weg zu finden. Vor allem, wenn man
als Schäfer gerade einmal zu einem Berufsstand gehört, der knapp 1% des
Bruttosozialproduktes repräsentiert. Aber statt zu schmollen, sollte man besser
über Alternativen nachdenken und sich in neue Praktiken beizeiten einüben.
Herdenschutzhunde sind eine
solche Alternative.
Herdenschutzhunden ist es
egal, ob sie Enten, Haus- oder Zierhühner vor Katze, Fuchs, Marder, Enok oder
Waschbär beschützen, oder Schafe, Ziegen oder Rinder vor Bär, Wolf oder Luchs.
Herdenschutzhunde – richtig erzogen und an ihre Aufgabe gewöhnt – schützen alle
und jeden, weil schützen in ihrer angezüchteten Natur liegt. Dabei ist es
natürlich gut, wenn sie vom Welpenalter an mit den Haustieren, die zu schützen
wir von ihnen verlangen, groß werden und sich früh an diese „Kumpel“ gewöhnen.
Unbedingt notwendig ist das aber nicht. Es gibt Herdenschutzhunde, die nie
zuvor ein Schaf gesehen haben und doch, mit einiger Geduld geübt, diese nach
relativ kurzer Zeit effektiv und zuverlässig beschützen. Es gibt andersherum
aber natürlich Herdenschutzhunde, die zwar mit Schafen aufgewachsen sind,
diese aber nicht effektiv
bewachen. Es kommt darauf an – und darüber ist zu sprechen!
Erstens muss der
Herdenschutzhund physisch gesund sein, eine Kraft und Athletik haben, die ihn
überhaupt mit der Fähigkeit ausstattet, Herden schützend tätig zu werden. Hunde
aus Showlinien können das in bestimmten Ausnahmefällen auch noch nach
Generationen, weil die genetischen Verankerungen für diese Fähigkeit oft sehr
alt und tief sind.
Neben der physischen,
körperlich, gesundheitlichen Voraussetzung muss aber auch die psychische
Grundausstattung eines Herdenschutzhundes stimmen. Gelassenheit,
Durchsetzungsvermögen, Willensstärke und Eigenständigkeit sind wichtige
Indikatoren für die Grundeignung. Völlig daneben ist, so genannte
„Aggressivität“ anzuzüchten. Aggressive Hunde sind unzuverlässige Hunde! Sie
beunruhigen eine Herde unnötig und Beunruhigung ist kontraproduktiv in jeder
Hinsicht. Es gibt Auen, die vor lauter „Beunruhigung“ nicht richtig ablammen
oder als Muttertier versagen. Es kommt also auf die richtige Mischung der
Charaktereigenschaften beim guten Herdenschutzhund an. Weder Bettvorleger noch
vierbeinige „Alarmglocke“ soll ein Herdenschützer sein. Sein Jagdtrieb soll
eher ein Verjagtrieb sein, weil er seine Herde nicht lange alleinlassen soll.
Sein Wille zu kämpfen – im Notfall bis zum Äußersten – soll ausgeprägt sein,
aber den Kampf suchen, dass soll er nicht. Andererseits ist ein Kläffer, der
den Kampf zwar lauthals ankündigt, ihn dann aber nicht durchzustehen vermag,
als Herdenschützer ineffektiv. Ein erfahrener Gegner wird sich von Gekläff
nicht beeindrucken lassen. Sowenig wie ein aggressiver Macho, der mit seinen
Kräften nicht haushalten kann und gar vor „Aggressivität“ den Überblick
verliert, jemals ein effektiver Herdenschützer wird. Das richtige Nervenkostüm
ist ebenso wichtig, wie eine athletische Wendigkeit, Durchhaltevermögen und
große, wenn nicht außerordentliche Willensstärke.
Ein guter Herdenschutzhund
hat sehr viel Selbstvertrauen, eine ruhige Dominanz, die ihn nicht dauernd
Streit suchen lässt, ist kooperativ, eigenständig und nicht ständig auf
„Bestätigung“ und Belohnung angewiesen. Vor allem hat er einen klaren Kopf und
eine deutlich überlegte Intelligenz. Ein Hund, der bei jeder Reizung einen
unkontrollierbaren Adrenalinschub bekommt, ist kein effektiver Herdenschützer.
Ein solcher macht zwar viel „Gewese“, taugt aber im Notfall nichts.
Ein selbsterlebtes Beispiel:
Eine Meute wildernder Hunde bedroht den Litzenzaun (105cm) einer Schafkoppel.
Die überraschende Reaktion des Herdenschutzhundes ist, dass er sich zu seinen
Schafen, die sich auf eine kleine Anhöhe in der Mitte der Koppel geflüchtet
haben, zurückzieht und sich mitten in die Schafherde legt. Die Wildmeute sucht
nun nach einem Zugang durch den Zaun. Der „wildeste“ Bursche dringt trotz
elektrischer Schläge ein und „stürmt“ auf die Anhöhe zu. Den Schutzhund hat die
Meute bis dahin nicht gesehen. Nun tritt er hervor und stellt den „Anführer“.
Der bekommt die Panik und rennt zum Schutzzaun zurück. Der Schutzhund ist im
kurzen Sprint (50m) schneller und tut den Eindringling nach kurzem, wüstem
Geraufe ab, indem er ihm das Rückrat bricht. Die Restmeute flieht in Panik. Der Herdenschutzhund kehrt
sofort zu seiner Herde zurück. Schafschützer war der Pyrenäenberghund übrigens
erst seit zwei Wochen und mit seiner Aufgabe nie vertraut gemacht worden.
Solche Idealhunde gibt es
ebenso, wie vollkommene Versager, die einem nervenstarken Wolf auf seinem
Raubzug in der Herde nur mit Gekläff begegnen, weil sie spüren, dass ein
Angriff unerbittliche Konsequenzen haben würde. Der Wolf wusste, wen er vor
sich hatte. Es war der Schafbesitzer, dem die Einsicht in die Wesenstärke
seines Hundes fehlte. Er hatte auf den größten Kläffer gesetzt.
Gute Herdenschutzhunde sind keine wilden Draufgänger. Sie
sind erstaunlich defensiv. Im Alltag weichen sie oft unnötigen Kämpfen aus.
Ihre Qualitäten werden oft falsch eingeschätzt, wenn sie dem Machogetue eines
Schafbocks ausweichen oder einer zickigen Aue gerade mal die kalte Schulter
zeigen. Jemand, der energische Hütehunde führt, wird das irritieren. Aber: So
sollen sie sein. Ein echter Ritter legt sich doch nicht mit Krakelern an. Weil
das so ist, konnten die Hirten ihre Herdenschutzhunde auch unbesorgt mit ihren
Herden nachts oder auf abgelegenen Weiden alleine lassen. Seine Tiere waren
sicher vor den Hunden. Das war das Ziel der Zucht! Das steckt noch immer im
Erbe der Herdenschutzhunde heute, selbst wenn sie nicht unter Schafen geboren
und aufgewachsen sind. Wohlgemerkt: Die eigene Herde! Kommen neue Schafe hinzu,
ist es der Schäfer, der seinem Hund erklären muss, dass diese nun zu seiner
Herde gehören. Aber mehr als einen Tag braucht es normalerweise nicht, dem Hund
das klarzumachen.
Ein guter Züchter hat für all
diese Eigenschaften eines Herdenschutzhundes einen guten Blick. Ein guter
Züchter steht dem unerfahrenen Halter auch mit Rat und Tat beiseite.