• german

Telefon 0049(0)4185 / 797055
Header

Der Pyrenäenberghund und sein Mensch

Für den Schäfer

In Deutschland hat die Haltung von Herdenschutzhunden keine Tradition. Auf dem Balkan, in Südeuropa, in Kleinasien und in Mittelasien ist das anders. Nun, Deutschland ist anders, werden viele sagen. Stimmt. In Deutschland waren Bär, Luchs und Wolf als klassische Schafräuber schon zu Beginn der Neuzeit ausgerottet. Damals glaubte man, damit einen Fortschritt erzielt zu haben. Unsere Haustiere jedenfalls litten nicht unter dem Verschwinden der großen Räuber.

Heute ist es Wille des Staates und großer Teile der Gesellschaft, dass diese Räuber wieder „heimisch“ werden. Bär, Wolf und Luchs sind strengstens geschützt. Unsere Haustiere nicht. Im Gegenteil: Die neue Propaganda versucht uns klar zu machen, dass die großen Räuber eine Bereicherung für unser Land und seine Wildtierwelt seien. Was es wirklich mit dieser schönen neuen Heimat auf sich hat, dass wird die Zukunft erweisen. Vielleicht gibt es ja Wege, Bär, Wolf und Luchs gerecht zu werden, und trotzdem unsere Haustiere vor ihnen zu schützen. Man wird abwarten müssen – und sich Mühe geben müssen, einen gerechten Weg zu finden. Vor allem, wenn man als Schäfer gerade einmal zu einem Berufsstand gehört, der knapp 1% des Bruttosozialproduktes repräsentiert. Aber statt zu schmollen, sollte man besser über Alternativen nachdenken und sich in neue Praktiken beizeiten einüben.

Herdenschutzhunde sind eine solche Alternative.

Herdenschutzhunden ist es egal, ob sie Enten, Haus- oder Zierhühner vor Katze, Fuchs, Marder, Enok oder Waschbär beschützen, oder Schafe, Ziegen oder Rinder vor Bär, Wolf oder Luchs. Herdenschutzhunde – richtig erzogen und an ihre Aufgabe gewöhnt – schützen alle und jeden, weil schützen in ihrer angezüchteten Natur liegt. Dabei ist es natürlich gut, wenn sie vom Welpenalter an mit den Haustieren, die zu schützen wir von ihnen verlangen, groß werden und sich früh an diese „Kumpel“ gewöhnen. Unbedingt notwendig ist das aber nicht. Es gibt Herdenschutzhunde, die nie zuvor ein Schaf gesehen haben und doch, mit einiger Geduld geübt, diese nach relativ kurzer Zeit effektiv und zuverlässig beschützen. Es gibt andersherum aber natürlich Herdenschutzhunde, die zwar mit Schafen aufgewachsen sind, diese  aber nicht effektiv bewachen. Es kommt darauf an – und darüber ist zu sprechen!

Erstens muss der Herdenschutzhund physisch gesund sein, eine Kraft und Athletik haben, die ihn überhaupt mit der Fähigkeit ausstattet, Herden schützend tätig zu werden. Hunde aus Showlinien können das in bestimmten Ausnahmefällen auch noch nach Generationen, weil die genetischen Verankerungen für diese Fähigkeit oft sehr alt und tief sind.

Neben der physischen, körperlich, gesundheitlichen Voraussetzung muss aber auch die psychische Grundausstattung eines Herdenschutzhundes stimmen. Gelassenheit, Durchsetzungsvermögen, Willensstärke und Eigenständigkeit sind wichtige Indikatoren für die Grundeignung. Völlig daneben ist, so genannte „Aggressivität“ anzuzüchten. Aggressive Hunde sind unzuverlässige Hunde! Sie beunruhigen eine Herde unnötig und Beunruhigung ist kontraproduktiv in jeder Hinsicht. Es gibt Auen, die vor lauter „Beunruhigung“ nicht richtig ablammen oder als Muttertier versagen. Es kommt also auf die richtige Mischung der Charaktereigenschaften beim guten Herdenschutzhund an. Weder Bettvorleger noch vierbeinige „Alarmglocke“ soll ein Herdenschützer sein. Sein Jagdtrieb soll eher ein Verjagtrieb sein, weil er seine Herde nicht lange alleinlassen soll. Sein Wille zu kämpfen – im Notfall bis zum Äußersten – soll ausgeprägt sein, aber den Kampf suchen, dass soll er nicht. Andererseits ist ein Kläffer, der den Kampf zwar lauthals ankündigt, ihn dann aber nicht durchzustehen vermag, als Herdenschützer ineffektiv. Ein erfahrener Gegner wird sich von Gekläff nicht beeindrucken lassen. Sowenig wie ein aggressiver Macho, der mit seinen Kräften nicht haushalten kann und gar vor „Aggressivität“ den Überblick verliert, jemals ein effektiver Herdenschützer wird. Das richtige Nervenkostüm ist ebenso wichtig, wie eine athletische Wendigkeit, Durchhaltevermögen und große, wenn nicht außerordentliche Willensstärke.

Ein guter Herdenschutzhund hat sehr viel Selbstvertrauen, eine ruhige Dominanz, die ihn nicht dauernd Streit suchen lässt, ist kooperativ, eigenständig und nicht ständig auf „Bestätigung“ und Belohnung angewiesen. Vor allem hat er einen klaren Kopf und eine deutlich überlegte Intelligenz. Ein Hund, der bei jeder Reizung einen unkontrollierbaren Adrenalinschub bekommt, ist kein effektiver Herdenschützer. Ein solcher macht zwar viel „Gewese“, taugt aber im Notfall nichts.

Ein selbsterlebtes Beispiel: Eine Meute wildernder Hunde bedroht den Litzenzaun (105cm) einer Schafkoppel. Die überraschende Reaktion des Herdenschutzhundes ist, dass er sich zu seinen Schafen, die sich auf eine kleine Anhöhe in der Mitte der Koppel geflüchtet haben, zurückzieht und sich mitten in die Schafherde legt. Die Wildmeute sucht nun nach einem Zugang durch den Zaun. Der „wildeste“ Bursche dringt trotz elektrischer Schläge ein und „stürmt“ auf die Anhöhe zu. Den Schutzhund hat die Meute bis dahin nicht gesehen. Nun tritt er hervor und stellt den „Anführer“. Der bekommt die Panik und rennt zum Schutzzaun zurück. Der Schutzhund ist im kurzen Sprint (50m) schneller und tut den Eindringling nach kurzem, wüstem Geraufe ab, indem er ihm das Rückrat bricht.  Die Restmeute flieht in Panik. Der Herdenschutzhund kehrt sofort zu seiner Herde zurück. Schafschützer war der Pyrenäenberghund übrigens erst seit zwei Wochen und mit seiner Aufgabe nie vertraut gemacht worden.

Solche Idealhunde gibt es ebenso, wie vollkommene Versager, die einem nervenstarken Wolf auf seinem Raubzug in der Herde nur mit Gekläff begegnen, weil sie spüren, dass ein Angriff unerbittliche Konsequenzen haben würde. Der Wolf wusste, wen er vor sich hatte. Es war der Schafbesitzer, dem die Einsicht in die Wesenstärke seines Hundes fehlte. Er hatte auf den größten Kläffer gesetzt.

Gute Herdenschutzhunde sind keine wilden Draufgänger. Sie sind erstaunlich defensiv. Im Alltag weichen sie oft unnötigen Kämpfen aus. Ihre Qualitäten werden oft falsch eingeschätzt, wenn sie dem Machogetue eines Schafbocks ausweichen oder einer zickigen Aue gerade mal die kalte Schulter zeigen. Jemand, der energische Hütehunde führt, wird das irritieren. Aber: So sollen sie sein. Ein echter Ritter legt sich doch nicht mit Krakelern an. Weil das so ist, konnten die Hirten ihre Herdenschutzhunde auch unbesorgt mit ihren Herden nachts oder auf abgelegenen Weiden alleine lassen. Seine Tiere waren sicher vor den Hunden. Das war das Ziel der Zucht! Das steckt noch immer im Erbe der Herdenschutzhunde heute, selbst wenn sie nicht unter Schafen geboren und aufgewachsen sind. Wohlgemerkt: Die eigene Herde! Kommen neue Schafe hinzu, ist es der Schäfer, der seinem Hund erklären muss, dass diese nun zu seiner Herde gehören. Aber mehr als einen Tag braucht es normalerweise nicht, dem Hund das klarzumachen.

Ein guter Züchter hat für all diese Eigenschaften eines Herdenschutzhundes einen guten Blick. Ein guter Züchter steht dem unerfahrenen Halter auch mit Rat und Tat beiseite.