Zwinger
Sozialisation
Unter Sozialisation verstehen
wir Charakterbildung, die im Wesentlichen aus dem Wechselspiel von Respekt und
Vertrauen entsteht.
Im Wolfrudel ist es so: Mit
etwa acht Wochen gibt die Hündin ihre Welpen sozusagen freiwillig ab und der
Vaterrüde übernimmt die Erziehung. Jetzt lernt der Welpe, sich in der Welt, in
der er lebt, zu orientieren und durchzusetzen. Regeln werden gelernt. Soziale
Regeln, die eine Gemeinschaftsleistung – z.B. eine Jagd – erfolgreich sein
lassen.
Einordnen, ohne sich
aufzugeben. Unterordnen, ohne zum Kriecher zu werden, mitmachen aus Freude am
Erfolg – all das vermittelt der Wolfsvater. Bei den Wölfen klappt das. Bei
unseren Hunden auch, wenn man sie nicht psychisch und physisch kaputt gezüchtet
hat. Rüde und Hündin ziehen in der Erziehung grundsätzlich am gleichen Strang.
Strenge Regeln vermitteln dem
Nachwuchs Verhaltenssicherheit. Es ist alles ganz einfach: Die Eltern
konkurrieren nicht um die Liebe der Kinder, kein Kind wird mit Vorteilen
bestochen, keines belohnt ohne Leistung. Erfahrung und Wissen genießen Respekt.
Man kann von den Wolfsartigen nur lernen. Lernen, wie man/Frau sich gegenüber
einem heranwachsenden Junghund zu verhalten hat. Ab und an gibt es was auf’s
Dach. Aber, nicht zu sehr. Nur gerade so, das sich Junghund daran erinnert, das
bestimmte Verhaltensweisen unangenehme Folgen haben. Sozial schwierige Wölfe
sind eine absolute Ausnahme. Sozial schwierige Hunde sind züchterische
Fehlleistungen. Aggressionen werden von Kindespfoten an geduldet, werden
ritualisiert und sozial kanalisiert, so dass sie die Gemeinschaft weder stören
noch zerstören. Rangordnungen innerhalb einer Altersgruppe sind dynamisch,
zwischen Eltern und Jungtieren aber klar abgegrenzt. Aggressionen sind vor
allem nicht tabuisiert und werden nicht unterdrückt, weshalb die Wolfsartigen
Sadismen auch nicht kennen. Selbst auferlegte Aggressionstabus werden nicht
verstanden, machen Wolfsartige unsicher und werden sozial nicht respektiert.
Frustrationen lässt Wolf raus. Wolfsartige verstehen das und können gut damit
umgehen. Junghunde, die wirklich geliebt werden, haben auch keine Probleme
damit und verlieren weder Vertrauen noch Respekt. Wolf und Hund leben sich
gegenüber ihrem Nachwuchs unverstellt aus. Sie sind auch schon mal „ungerecht“.
Aber sie besitzen eine instinktive Selbstbegrenzung, gehen nie zu weit. Sie
fordern ihren Nachwuchs, bereiten ihn auf das reale Leben vor und sind
irgendwann froh, wenn der Nachwuchs sich selbstständig macht. Frühe
Leistungsabforderung und ihre erfolgreiche Bewältigung machen soziale Wesen
früh selbstsicher – und darauf ist alle Sozialisation ausgerichtet. Es ist der
Kern jeder Sozialisation, ein selbstsicherer Erwachsener zu werden – nicht die
Kindheit zu perpetuieren und noch mit Dreißig bei Mama und Papa zu leben!
Ziel aller Sozialisation beim
Herdenschutzhund ist es, dem Heranwachsenden frühzeitig und nachhaltig Respekt
vor seinem Menschen beizubringen. Erzieherisch notwendige Disziplin und
Konsequenz beizeiten vermittelt, erspart böse Überraschungen, wenn der
niedliche Junghund plötzlich und fast über Nacht erwachsen geworden ist. Härte
bedeutet nicht physische Brutalität, sondern absolute psychische Überlegenheit.
Diese aber mit äußerster mentaler Konsequenz. Eine kurze, harte physische
Demonstration (z.B. Überbiss) muss genügen, um Überlegenheit zu zeigen.
Rudelführer diskutieren nicht, sie setzen durch. Aber nicht dauernd. Dauernde
Machtdemonstrationen zerstören jegliches Vertrauen.
Ziel der Sozialisation von
Herdenschutzhunden ist es, dem Hund Selbstvertrauen zu geben, damit er seiner
Aufgabe, auf die er einst gezüchtet wurde, gerecht werden kann: Gefahrenabwehr
ist eine Aufgabe, die höchstes Selbstvertrauen voraussetzt. Deshalb tritt
alles, was Gehorsam als Priorität zum Inhalt hat, zurück. Gehorsam ist kein
Zuchtziel. Partnerschaftlichkeit jedoch schon. Ein Pyrenäenberghund muss seine
Aufgabe auch ohne seinen Menschen leisten können. Beim Herdenschutzhund als
Arbeitshund bedeutet das: Zieht er die Nähe des Menschen seiner Aufgabe, Schafe
alleine zu bewachen, vor, dann ist er genetisch defekt oder sein Erzieher taugt
nichts. So einfach ist das.
Das gleiche gilt für das Gerede von „den
Trennungsängsten“ des Hundes. Trennungsängste hat nur der Welpe. Schon der
Junghund sollte sie nicht mehr haben – bei richtiger Sozialisation.
Pyrenäenberghunde waren als Herdenschützer berühmt für ihre Eigenständigkeit
bei der Bewachung der Herden. Ihre Sozialisation sollte dies berücksichtigen.
Die Furcht, dass der Pyri sich von seinem Menschen entfremdet, ist unbegründet.
Die richtige Mischung macht’s. Züchterisch ist dies eine der zentralsten
Anforderungen, denen Zuchthunde dieser Rasse gewachsen sein müssten. Bei
falscher Zuchtauswahl geht dieses Urerbe verloren.