Der Pyrenäenberghund und sein Mensch
Unsere Zivilisation, so wie
wir sie kennen, wäre nicht denkbar ohne unsere Hunde. Jahrtausende lang haben
sie dem Menschen gedient und ihm ermöglicht, ein lebenswertes Leben aufzubauen.
In Urzeiten als Pariahund, der vor gefährlichen Raubtieren warnte. Später als
Lastenträger, woraus sich im hohen Norden der Schlittenhund herausgebildet hat.
Als der Mensch anfing, Wildtiere zu domestizieren und Schafe, Ziegen und Rinder
zur Verbesserung seiner Ernährungslage zu halten, da begann die Zeit des Herdenschutzhundes. Das war etwa 8000 vor unserer Zeitrechnung.
Herdenschutzhunde sind also die frühesten Begleiter unserer menschlichen
Zivilisationsgeschichte. Wer immer sich gestört fühlt durch Lebensäußerungen
unserer Hunde - Bellen zum
Beispiel – soll einen Moment innehalten und sich klarmachen, dass es der Hunde
Bellen war, das Jahrtausende lang half, Menschenleben zu schützen.
Sicher, es ist nur ein
schwacher Trost, wenn man einem Kläffer stundenlang ausgeliefert ist. Aber, es
ist nicht der Hund, der etwas Falsches tut, es ist sein Halter, dem Mitmenschen
gleichgültig sind. Dem Hund sind von seiner Natur her die Menschen nie
gleichgültig.
Als Züchter von
Pyrenäenberghunden wünschen wir uns Menschen für unsere Hunde, denen weder die
Menschen noch die Hunde gleichgültig sind. Pyris können nachhaltig und mit
mächtiger Stimme bellen. Stürmen sie morgens aus dem Haus, künden sie der Welt,
dass sie ihren Wachdienst auf ihrem Territorium übernommen haben. Das war einst
gewollt, war es doch eine mächtige Ankündigung für Wolf, Luchs und Bär, dass
die Zeit, wo Beutemachen leicht war, vorbei ist. Für den Hirten war das Musik
in seinen Ohren, weil er nun wusste: um deine Herde dort in den Bergen brauchst
du dich jetzt nicht zu sorgen. Das Bellen der Pyris diente also der
Fernkommunikation. Dieses Ankündigungsbellen sollten wir also unserem Pyri
gönnen und nicht unterdrücken. Unterdrücken sollte man, dass es in Kläffen
ausartet. Schön wäre es auch, wenn der Pyri, der ja sehr territorial ist, dabei
seine Territoriumsgrenze abjagen kann. Dies dient seiner Fitness und
psychischen Gesundheit. Und es entspricht seinem historischen Erbe, dies tun zu
können.
Wir gönnen unseren Hunden ziemlich exakt eine Minute Bellen und Grenze
abrennen. Dann rufen wir sie ab oder locken sie heran, um eine andere
Beschäftigung anzubieten.
Eine halbe Stunde intensiv mit seinem Menschen reicht für
viele Stunden Ruhe. Intensiv ist allerdings wirklich intensiv. Joggen,
Fahrradfahren, Ausritt begleiten, auf Holzstapel kraxeln, Hügel erklimmen, etc.
Natürlich kann man auch alternativ einen tüchtigen Spaziergang machen, Den
allerdings etwas länger. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Pyris sind
Arbeitshunde, das ist ihr Erbe. Also eine starke Anforderung am Tag muss sein.
Anstrengung hält Laune und Gesundheit zusammen. Beim Menschen wie beim Hund.
Ein Pyri, der nicht
stundenlang alleine auf sich gestellt sein kann, hat ein Stück seines genetisch
fixierten, ursprünglichen Erbes verloren. Eigenständigkeit gehört zur Rasse.
Auch dies kann man üben und lernen. In wohldosierten Schritten wird
Alleinbleiben eingeübt. Auch das gehört zur mentalen Fitness. Dosiertes
Alleinlassen stärkt die Beziehung zwischen Mensch und Hund. Ständiges
„Umsorgen“ macht den Hund psychisch kaputt und nervt jeden.
Bällchenwerfen,
Apportierübungen und ähnliches interessieren den Pyri nicht. Er will kein
Sklave sein und braucht auch keinen.
Ein Pyrenäenberghund fühlt
sich am wohlsten, wenn er gefordert wird. Zum Beispiel als Cartdog – Zughund –
vor einem Wagen oder – wie es in Kanada häufig geschieht – als Schlittenhund.
Natürlich erbringt er keine Geschwindigkeitsleistungen wie die Schlittenrennhunde. Andererseits
kann der Mensch die Schönheit einer Landschaft genießen und muss sich nicht
beim Kilometerfressen auf die Hinterbranten seines Hundes konzentrieren.
Der Pyrenäenberghund findet
einen Partner in einem Menschen, der mit liebevoller Strenge, ruhiger
Konsequenz und maßvoller Aktivität sein Leben gestaltet. Alle Extreme sind
dieser Rasse ein Gräuel. Besonnenheit, Klarheit im Verhalten, Geradlinigkeit
und ein wenig Unerschrockenheit geben diesem Hunderiesen die beste
Orientierung.
Alle richtig gezüchteten
Herdenschutzhunde sind defensiv, ja ein wenig passiv in ihrem Wesen. Ein
Pyrenäenberghund, der ständig Kontakt aufnimmt, hat einen genetischen Defekt.
Sie sind auch keine Actionmonster wie einige Jagd- oder Hütehundrassen. Doch
Schlafpillen sind sie nicht. Herdenschutzhunde können, wenn gefordert,
plötzlich explodieren vor Aktivität. Niemand lasse sich von ihrer Zurückhaltung
täuschen. Ohne diese Eigenschaften könnten sie nicht mit Schafen, Lämmern und
andren Haustieren zusammenleben. Beunruhigen ist Sache von Hüte- und
Treibhunden. Bewachen und Schützen von Haustieren, das kann effektiv nur eine
Rasse, die cool bleibt, nervenstark und fürsorglich ist und die nicht ständige
Action braucht. Das ergibt sich aus ihrer historischen Aufgabe. Das
Zusammenleben mit Pyrenäenberghunden ist – bei richtiger Führung – völlig
stressfrei. Sie sind anspruchslos, klug, zurückhaltend und doch voller
Vitalität. Ideale Familienhunde dort, wo Individualität und Gemeinschaft in
gegenseitigem Respekt gelebt werden.
Wer einem Pyri noch seine
klassischen Aufgaben bieten kann, ist der richtige Partner für diese Rasse. Dem
Pyri ist es egal, ob er Schafe, Ziegen, Enten, Pferde oder Hühner wachend
beschützt. Er hat keinen „Killerinstinkt“ wie die Hüte- oder Treibhunde, deren
Hütetrieb ja nur eine Abwandlung des Jagdtriebes ist. Pyris sind passiv in
dieser Hinsicht. Nicht passiv, sondern höchst aggressiv sind sie nicht nur
gegen Wolf, Luchs und Bär, sondern auch gegen Raub- und Rabenvögel, Marder,
Katze, Fuchs und Waschbär. Alle Räuber sind Feinde. Allerdings beschützen sie
nicht gegen die Hütehunde des eigenen Rudels, deren Hetzen/Hüten sie gelernt
haben zu respektieren.
Jeglicher Hundesport, der auf
endlosen Wiederholungsübungen basiert, sollte man tunlichst lassen.
Gehorsamkeit war nie ein Zuchtziel. Im Gegenteil. Doch das bedeutet nicht, dass
Pyrenäenberghunde nicht gut gehorchen könnten. Man übt einfach Reflexe, die dem
Hund von selbst kommen. Immer, wenn der Welpe/Junghund ohnehin zu seinem
Menschen Kontakt aufnehmen will, tut man so, als hätte man es ihm befohlen. Man
bestätigt einfach das, was der Hund ohnehin tun wollte. Egal, ob er „Sitz“,
„Platz“, „Komm“ oder was auch immer lernen soll, man gibt das Kommando, wenn er
es ohnehin tun will. Wenn man ihn dann noch belohnt (durch Abliebeln oder
Leckerchen), dann wird der eigenwillige Herdenschützer ein erstaunlich folgsamer Hund.
Gehorsam wird er trotzdem nicht. Gehorsamkeit dennoch zu erreichen, erfordert
ein wenig Konzentration. Man beobachtet seinen Hund. Er verharrt
beispielsweise, weil etwas seine Aufmerksamkeit fesselt. Man nutzt die Chance,
unterbricht seine Konzentration auf das Objekt und holt ihn zu sich heran.
Verpasst man den richtigen Zeitpunkt, hat es keinen Sinn, hinter ihm
herzubrüllen. Pyris stehen zu ihren Entschlüssen und tun, was sie glauben, tun
zu müssen. Stimmt die Beziehung zu seinem Menschen, dann kommt er schnell zurück,
denn seine Schutzbefohlenen im Stich zu lassen, widerspricht seiner „Ethik“.
Den ersten Zorn schluckt man herunter und lobt sein Kommen. Pyris erziehen zur
Gefühlsechtheit und Reife – sonst kann man nicht mit ihnen zusammenleben. Pyris
schätzen entschlussstarke Menschen, die gelassen reagieren.
Ein Pyri ist in seiner
mentalen Struktur einem Wolf sehr ähnlich. Ständig überprüft er die Umgebung,
den Weg auf mögliche Gefahren. Er patrouilliert den Vorausweg. Beobachtungsgabe
und Entschlussfreude sind ihm in die Wiege gelegt. Häufig hört man, man solle
seinen Pyrenäenberghund nur angeleint führen, weil er sonst plötzlich weg sei.
Für Menschen, die wie Schafe hinter ihrem Pyri hertrotten, ist das der richtige
Vorschlag. Allerdings wirft das die Frage auf, ob man/frau dann der richtige
Führer für einen Pyrenäenberghund ist. Die Alternative: Man lernt, mit hellen
Sinnen spazieren zu gehen, respektive zu wandern. Man zieht mit seinem Pyri auf
der Wahrnehmungsebene in etwa gleich. Man sieht und hört mehr, beobachtet seine
Umwelt und entdeckt Reh, Hase, Bär und Wolf, b e v o r
es der eigene Hund getan hat. Plötzlich wird ein Spaziergang ein
sinnliches Erlebnis und kein lahmes „Gassigehen“, kein dumpfes
Kilometerabreißen und Sinnen-faules Herumlungern. Wer so drauf ist, kann seinen
Pyri nach etwas Übung ableinen und ihm alte Freiheiten gönnen. Er ist mit
seinem Hund auf der gleichen Höhe, auch was das Erlernen der
Entschlussfähigkeit angeht. Man entdeckt den archaischen Jäger in sich.
All diese
Herdenschützereigenschaften des Pyrenäenberghundes erfordern einen Menschen,
der nicht ständig seinem Hund an Fähigkeiten hinterherhinkt und dies durch
militärische Kommandos ausbügelt. Man lernt mit dem hundlichen Partner zu
kommunizieren. Streng genommen ist ein richtiger Pyri ein Scout, ein Aufklärer,
selbst wenn er einmal die Nachhut bildet, so wie es Herdenschutzhunde in
Arbeitsteilung automatisch machten, wenn sie die Herden begleiteten.
Der Pyrenäenberghund ist der ideale Hund für Menschen,
die maßvolles Outdoorleben noch zu schätzen wissen.