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Der Pyrenäenberghund

Pyrenäenberghunde stammen aus Jahrhunderte alten Arbeitslinien. Sie wurden zum Teil als Wachhunde für Haus und Hof eingesetzt, zu einem anderen Teil als Wolfsjäger und vor allem als Schutzhunde, die die Herden der Haustiere – hier überwiegend Schafherden – auf ihren Wanderungen in den Gebirgen der französischen und spanischen Pyrenäen begleiteten und beschützten. Der Pyrenäenberghund ist also in seiner Hauptcharakteristik ein Beschützer. Zum Treiben ist er ungeeignet, zum Jagen nur bedingt geeignet, nur sofern es sich um Jagen bzw. Verjagen von Raubtieren handelt. Schon daraus ergibt sich, dass er in seiner Geschichte auf Verteidigungsbereitschaft selektiert worden ist.

Verteidigungsbereitschaft ist aber nicht gleichzusetzen mit Aggressivität. Diese Reizbarkeit besitzen so genannte Hütehunde in viel höherem Ausmaß, denn das Hüten ist eine Abwandlung des Jagens, das nur durch die Anwesenheit des menschlichen Jagdführers in Gestalt des Schäfers abgebrochen wird, bevor es zum Tötungsakt kommt. Ohne diese menschliche Aufsicht bricht bei vielen Hütehunden (z.B. Border Collies) der Jagdinstinkt, der Tötungsinstinkt wieder durch, weshalb Schafe grundsätzlich mit den Hütehunden nicht alleingelassen werden können. Hin und wieder gibt es natürlich Ausnahmen von dieser Regel. Das kommt auf das hundliche Individuum an. Diese Art des Jagens/Hütens entstand erst in der Neuzeit, als die großen Raubjäger Bär, Wolf und Luchs in Europa quasi ausgerottet waren. Zuvor hatten diese Hütehunde keinen Nutzen.

Den Herdenschutzhunden, der älteren und viel ursprünglicheren Form des Hirtenhundes, hatte der Mensch rigoros die Fixieren-Hetzen-Töten-Sequenz abgezüchtet – und das schon vor Jahrtausenden. Herdenschutzhunde sind die Urform des Hirtenhundes. Hütehundschläge sind viel jünger.

Pyrenäenberghunde, die Patous, wurden früh zivilisiert  und entwickelten eine zweite Hauptcharakteristik, die fest genetisch verankert ist: die Fürsorglichkeit gegenüber allen Schutzbefohlenen. Ob nun Schafe, Pferde, Hühner, Ziegen oder was an Haustier auch immer, sind sicher vor Pyrenäenberghunden, soweit es sich um Lebewesen handelt, die der heranwachsende Pyri gelernt hat, zu den Seinen zu rechnen. Zu den Seinen zählt er – überartlich – alle, die sich auf  seinem Territorium befinden. Territorium ist aber kein statisches Gebilde. Es ist veränderlich nach Raum und Zeit. Es ist eine Abstraktion. Sein Territorium ist da, wo der Pyri sich gerade befindet. Also kann es ein konkret eingezäunter Raum sein, wie die Weide, aber auch der Weg, auf dem er sich gerade mit seinen Schutzbefohlenen befindet oder einfach jener Raum, der durch die Anwesenheit gebildet wird und nur durch die Reichweite seiner Sinne zu definieren ist. Es gibt Pyris, deren Territorium reicht so weit, wie sie sehen können oder wie sie gelernt haben, Verantwortung wahrzunehmen.

Ein Beispiel: Eines Tages schrie eine kleine Nachbarhündin in höchster Todesangst „Alarm“, sie schrie um Hilfe. Meine Pyris, die diese Hündin von Klein auf nur vom Hören kannten und ihr kaum einmal begegnet waren, zählten – zu meiner Überraschung – diese Hündin zu ihrem Verantwortungsinventar, zu einer Schutzbefohlenen ihres Territoriums – das eben eine emotional, psychische Dimension hat und nicht allein geografisch, räumlich begrenzt ist. Meine Pyris jedenfalls waren bereit, sich für die bedrängte Hündin ins Gefecht zu stürzen, koste es, was es wolle. Es kostete mich einige Mühe, meine Hunde davon abzuhalten, über einen zwei Meter hohen Zaun zu gehen und den/die Hundequäler im Nachbargarten mit aller Konsequenz anzugreifen. Alle Konsequenz bedeutet: Sie hätten den Hundequälern den Garaus gemacht!

Ein anderes Beispiel: Einer meiner älteren Patous war mit einem Nachbarhund befreundet. Die beiden spielten und tollten miteinander, wann immer sie sich begegneten. Eines Tages jedoch begegneten wir uns und hatten auf unserer Seite einen neuen Junghund dabei. Diesen ungebärdigen Junghund als zu seiner Meute gehörend anzusehen, hatte mich einige Zeit der Mühen gekostet bei meinem älteren Pyri – er konnte den Junghund nicht besonders gut leiden. Mein Patou und der Nachbarhund spielten zunächst miteinander wie sie es gewohnt waren. Der Junghund – in seinem Ungestüm – mischte sich ins Spiel ein. Der Nachbarshund, in Verkennung der Regeln eines Rudels – er war ja Einzelhund – glaubte, den Junghund angreifen zu können und ihn zurechtweisen zu können. Ein schwerer, fast tödlicher Irrtum! Das Meutemitglied eines Pyris anzugreifen, bedeutet, den Pyri selbst anzugreifen – und das kann furchtbare Folgen haben. Innerhalb zweier Sekunden rang der Nachbarshund um sein Leben. Nur ich konnte ihn vor dem erzürnten Patou retten – ich bin immerhin der Oberspielleiter meiner Meute. Der Nachbarhund überlebte und fand zur Freundschaft zurück, aber von nun an galt seine Ehrerbietung gegenüber jedem Rudelmitglied. Jedes Rudelmitglied stand in der Rangfolge höher als der Nachbarhund – das hatte der arme Kerl bitter gelernt.

Andererseits, ein fremder Hund, der den Nachbarhund angriff, hatte ebenso schlechte Karten. Meine Patous beschützten den ihnen bekannten Nachbarhund vor Fremdhunden im Falle eines Angriffs. Ansonsten aber waren sie vollkommen friedlich, ja sogar freundlich gegenüber fremden Hunden. Kein Angriff = keine Feindschaft.

Es sind also zwei Hauptcharakteristika, die beim Pyrenäenberghund in der Balance stehen: Die Verteidungsbereitschaft und die hingebungsvolle Fürsorglichkeit gegenüber dem eigenen Rudel oder besser der eigenen Lebensgemeinschaft. Das eine bedingt das andere. Beide Charakteristika sind genetisch miteinander verknüpft. Und nur Pyris, die beides gleichermaßen aufwiesen, waren Jahrhunderte lang zur Zuchtauswahl gekommen.

Erwirbt man einen Pyrenäenberghund muss man dies immer in Rechnung stellen: hingebungsvolle Loyalität und mögliches Berserkertum im Falle einer ernsthaften Bedrohung. Halbe Sachen sind in der Welt der Herdenschutzhunde nicht vorgesehen.

Eine Zucht, die eine Seite überbetont oder wegzüchten will, zerstört den Wesenskern des Pyrenäenberghundes. Züchtet man, dem irrenden Zeitgeist folgend, die vermeintliche „Aggressivität“ des Pyrenäenberghundes weg, dann zerstört man die Balance der Eigenschaften, und die Pyris werden schnell unzuverlässig in der eigenen Lebensgemeinschaft – und hören damit auf, Pyrenäenberghunde zu sein. Da gibt es keinen Mittelweg.

Etwas wegzunehmen ohne etwas Besseres zu gewinnen, das ist nicht nur dämlich, sondern ausgesprochen kriminell. Zu viele Hunderassen wurden bisher schon zur sozialen Unverträglichkeit herabgezüchtet, weil man/frau eine unangenehme Seite ihres Hundewesens wegzüchten wollte. Den wenigsten Züchtern ist aber bewusst, dass sie damit die ursprüngliche Balance in den Wesenszügen wegzüchten und die Rasse zum Nachteil verändern. Es gibt leider viele Rassen, bei denen dilettantische Züchter nachhaltigen Schaden angerichtet haben, weil sie „Moden“ folgten und völlig ahnungslos gegenüber ursprünglichen, meist genetisch fixierten Zusammenhängen waren und sind.